Lost in PL – Ostwall Underground

Gleich zu Beginn: Es heisst natürlich korrekt nicht Ostwall, sondern etwas martialischer “Festungsfront Oder-Warthe-Bogen” (FFOWB), was mir aber als Überschrift einfach zu sperrig war. Das Ganze wird gerne mit dem Westwall oder der Maginot-Linie verglichen, womit der LP-affine Geocacher sicherlich aufgrund einiger spektakulärer Caches deutlich mehr anzufangen weiß. Im Folgenden daher der Versuch, dieser weniger bekannten Anlage etwas mehr Beachtung und Interesse zu verschaffen.

Unknown guy with yellow rubber boots crossing the scene

Gelb - nicht ganz die Schuhfarbe der Saison ;)

Während letztes Wochenende Heerscharen von Geocachern zu einem sogenannten Lost-Place Mega-Event zusammenströmten (meine Meinung zu organisiertem LP-Tourismus und was Menschenmassen und Fördervereine mit der ursprünglichen Idee von Urbex oder auf neudeutsch Lost Place, zu tun haben, will ich hier mal nicht weiter ausführen) – während dieses Wochenendes also stand wieder einmal der traditionelle Sommerausflug auf den Spuren außergewöhnlicher verlassener Orte, gemeinsam mit Andi, Betty, Mr. Fränk und JR auf dem Programm: Das Objekt der Begierde liegt ca. 120 km östlich von Berlin in der polnischen Provinz und wird dort unter der Bezeichnung “Ostwall” als so ziemlich einzige touristische Attraktion der Gegend, so gut es geht, kommerziell ausgenutzt – was für den durchschnittlichen Touristen vermutlich auch nicht die schlechteste Option ist.

In Sachen Geocaching ist die FFOWB aber sicherlich keine Premium-Destination, im Gegensatz zu dem, was die reinen Fakten versprechen: Der am stärksten befestigte Zentralabschnitt besteht aus einer Vielzahl von Bunkeranlagen, die durch ein 50 Meter tief unter der Erde verlaufendes, 32 km langes, mit Bahngleisen ausgestattetes Hohlgangsystem miteinander verbunden sind.
Auf gc.com gibt es gerade mal zwei Caches, in Bunkern, die nicht an das unterirdische System angeschlossen sind. Auf opencaching.pl wurde es schon etwas interessanter, mehr dazu später.

In der Nähe von PzW 720

Kilometerlanges Hohlgangsystem

“Kilometerlanges Hohlgangsystem” – das war das Schlagwort, bei dem es Klick gemacht hatte, als ich vor ein paar Jahren eine Dokumentation über die FFOWB gesehen hatte. Könnte man das auch auf eigene Faust erkunden und wieviele der 32 Kilometer sind noch erhalten und begehbar? Recherchen im Internet dazu ergaben vor allem Informationen über geführte Touren, was für mich allerdings weniger interessant war. Ob und wie man dort “inoffiziell” reinkommen könnte war bis zum Start der Tour mehr oder weniger unklar. Immerhin hatten wir aber einen Plan des Hohlgangsystems, eine Topo-Karte mit der Lage aller Anlagen sowie die zugehörigen GPS-Waypoints. Alles andere sollte sich vor Ort zeigen.

Unser Quartier bezogen wir in Kęszyca Leśna im dortigen Hotel, gelegen so ziemlich in der Mitte des Zentralabschnitts und daher idealer Ausgangspunkt. Der erste Tag begann mit einer langsamen Annäherung an die FFOWB.

Log an PzW 741

Log an PzW 741 - in den Farben der Saison ;)

Erstes Ziel war der nahegelegene Cache PzW 741, ein recht interessanter mehrgeschossiger Bunker, aber ohne Anbindung an das mysteriöse Hohlgangsystem. Diese versprachen zwei Listings auf opencaching.pl: MRU – Panzerwerk 719 und MRU – Panzerwerk 720 – vor Ort wurde aber schnell klar, von oben kommt man da nicht rein, und ein genaues Studium des Listings ergab eine vorgesehene Zeit von 2 Stunden und einen Weg von 5 Kilometern! Damit war klar, dass man an die Dosen nur durch das Hohlgangsystem kommt – einziger Hinweis, wie man denn da nun reinkommen könnte war PzW 724. Über staubige Feldwege ging es also dorthin, nur um festzustellen, das PzW 724 einer von mehreren Ausgangspunkten für geführte Touren ist. Auf eigene Faust dort zu starten war nicht drin. Nach einiger Überlegung entschlossen wir uns, einige weitere Punkte, die laut Karte Anbindung an die unterirdischen Gänge hatten, näher zu untersuchen. Erstes Ziel waren die Haupteinfahrt zum System, A64 und zwei auf der Karte verzeichnete Schächte nördlich von Bahnhof Friedrich. Über staubige Pisten ging es in diese Richtung, unterwegs wurde, quasi im vorbeifahren, noch eine weitere Zugangsmöglichkeit inspiziert – Bingo! – zumindest mittels abseilen schien sich hier ein Zugang zu bieten, nicht ideal, aber besser als nichts. A64 empfing uns mitten im Wald in Gestalt einer massiv vergitterten Tunneleinfahrt, die sich schon in 100 Meter Umkreis durch einen eiskalten Lufthauch bemerkbar machte. Hier kündigten sich schon eindrucksvoll die Dimensionen der Anlage an. Nachdem die Suche nach den Schächten erfolglos blieb, entschlossen wir uns letztlich für die Abseil-Variante und verwendeten den Rest des Nachmittags dafür, einen Testzustieg für die am nächsten Tag geplante ausgiebige Begehung des Hohlgangsystems zu unternehmen. Im zweiten Untergeschoss des Bunkers tat sich ein Schacht von ca. 6 Meter Durchmesser und 30 Meter Tiefe auf, an dessen unterem Ende auf beiden Seiten gut erkennbar Gänge abgingen. Ursprünglich sollte hier wohl einmal ein Treppenhaus sein, das aber nie fertig gebaut wurde. JR und ich seilten uns hier hab, um mal die Lage zu erkunden. Schnell wurde klar, wir sind mitten im Hohlgangsystem, und nach einer weiteren Stunde durch endlose Gänge war klar: Hier müssen wir morgen weiter rein! Die Begehbarkeit war gut, kaum tiefere Wasserstellen, und auch der Erhaltungszustand war besser als erwartet.

Zugang!

Möglicher Zugang?

Den Abend verbrachten wir damit, die Optionen für die Erkundung am nächsten Tag zu diskutieren. Das Problem beim Abseilen ist, dass man hier eigentlich nicht im kompletten Team runter kann, da man nur ungern den ganzen Tag das Seil unbeaufsichtigt hängen lassen will. Das Wunschziel, die Burschener Schleife, lag ca. 8 Hohlgangkilometer entfernt, was hin und zurück schlappe 16 Kilometer macht! Wir entschieden uns also, die Begehung auf zwei Teams zu verteilen, wobei JR und ich in beiden Teams dabei waren. Zuerst ging es in den nördlichen Teil bis PzW 736, danach noch Richtung Süden, bis PzW 719/720, wo wir als Zugabe noch den dortigen oc.pl-Cache loggen konnten. Am Ende des Tages waren wir inklusive Fotosession ca. 7 Stunden in den Gängen unterwegs mit ca. 16 Kilometern zurückgelegter Strecke und diversen Einlagen zur Steigerung des Adrenalinausstoßes – ein absolut unvergessliches Erlebnis – war sicher nicht mein letzter Besuch hier. ;)

Zu den Fakten:
Das Gangsystem scheint im nördlichen Abschnitt, bis zum Bahnhof Friedrich inklusive Abzweigungen, vollständig intakt und begehbar zu sein, die meisten angeschlossenen Panzerwerke sind von unten durch Treppenhäuser zu erreichen. PzW 724 und 717 werden als Zugang für offizielle Führungen genutzt, die Abzweigungen direkt dorthin sollte man also besser meiden, außerdem gibt es wohl eine längere Führung von PzW 717 nach 724, hier ließ sich in unserem Fall eine Begegnung mit einer geführten Gruppe nicht vermeiden. Nördlich von Bahnhof Dora dürfte man aber seine Ruhe haben, hier gibt es meines Wissens keine offiziellen Führungen.  Zwischen Oktober und April ist Fledermausschutzzeit und ein Betreten des Hohlgangsystems tabu. Eine Karte der FFOWB und des Hohlgangsystems findet man unter www.ostwallinfo.de.
Weitere Details wie Wegpunkte und Einstiegsmöglichkeiten gibts hier nicht, Anfragen von Leuten, die mir nicht bekannt sind, sind zwecklos. Für die allermeisten Leute dürfte, wie oben erwähnt, eine geführte Tour die definitiv bessere Option sein.

Weitere Informationen, vor allem auch zum geschichtlichen Hintergrund, liefert die oben erwähnte Dokumentation, die man in vier Teilen auch auf YouTube findet:
Geheimnisvolle Orte – Der Ostwall – 1/4
Geheimnisvolle Orte – Der Ostwall – 2/4
Geheimnisvolle Orte – Der Ostwall – 3/4
Geheimnisvolle Orte – Der Ostwall – 4/4

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5 Antworten auf Lost in PL – Ostwall Underground

  1. Hallo Ralf,

    Dein Blog liest sich wie ein Urlaubskatalog von Neckermann für Geocacher ;-)
    Auch hier sind wir im Netz auf Infosuche und Terminsuche, danke für die Tipps.
    Gruss
    ‘dr
    Allgäu-Biker

  2. Oliver Münk sagt:

    Toller Bericht – macht lust auf mehr und wenn mal noch ein Teammitglied gesucht wird, dürft ihr gerne bei mir anfragen!

  3. Chris Race sagt:

    Tolle Bilder, Hut ab! War bestimmt eine spannende Zeit dort :) …

  4. vicepoint sagt:

    klasse bericht
    jetzt wird es echt langsam zeit dass ich mich in der östlichen gegend umschaue
    da stehen einige orte auf meiner wunschliste
    sonst treib ich mich in belgien um maastricht rum … da gibst immer so gute fritten mit frischen zwiebelwürfel ;-)

    gruß andreas

  5. Dr. Venkman sagt:

    Der Blog, er lebt.

    Auf solche epischen Berichte, wartet man gerne mal 10-12 Monate.
    Klasse geschrieben und gewürzt mit stimmungsvollen Profibildern.
    Fast hat man den Eindruck, man sei selbst dabei gewesen.
    Bin gespannt auf 2012, wenn es wieder heisst:
    Neuer Blogartikel #geocaching #urbex

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