Die verlassene Seilbahnstation – Teil 1

Gibts denn sowas? In dem schmucken Alpen, nur wenige Meter von der Grenze zur malerischen Schweiz entfernt, sollen also gut erhaltene Relikte aus der Pionierzeit des Seilbahnbaus seit fast zwei Jahrzehnten einfach so herumstehen, dem Verfall preisgegeben? Und dann auch noch in Regionen, die kein Normalsterblicher je zu Fuß erreichen wird? Die Bilder und Berichte dazu liessen keine Zweifel: Als JR Anfang April einen Link auf einen Bericht darüber in unserem geheimen (psst!) Lost-Place-Forum postete, war ich nach dem ersten Durchschauen der Bilder sofort dabei. Auf einem Grat in 3.500 Metern Höhe, direkt zu Füßen des Matterhorns an der Italienisch-Schweizer Grenze gelegen, nur mit Steigeisen zugänglich – das versprach auf jeden Fall spannend zu werden. Die verwegene Lage und Architektur der Station, inklusive eines mehrere hundert Meter langen Skitunnels, einfach so in den Fels gehauen und in leicht verfallender Betonbauweise befestigt, tat ihr Übriges, dass ich es kaum erwarten konnte.

Die Matterhorn-Sache (1). Unser Ziel stand also fest, ebenso ein möglicher Termin. Und da die Station so nah am Matterhorn liegt, war gleich noch ein kleiner Abstecher auf diesen Toblerone-Hügel mit eingeplant. Manche nennen es den schönsten Berg der Welt, manche sagen, er wäre nicht ganz einfach zu besteigen. Nun, wir werden sehen – wir kommen jedenfalls vorbereitet.

Vorbereitungen. Nach umfangreichen Planungen, Studien von Websites, Karten und Routen stand die geplante Tour fest: Zuerst auf den Furgggrat zur Seilbahnstation – unserem eingentlichen Ziel. Danach unterhalb der Matterhorn-Südwand zum Rifugio Duca degli Abruzzi, von da hinauf zum Rifugio Carrel. Von dort sollte dann der eigentlich Aufstieg über den Lion-Grat aufs Matterhorn starten. Wir hatten eine knappe Woche Zeit, und entsprechend waren Ausrüstung und Gepäck bemessen: Mahlzeiten für 6 Tage, Schlafsack, warme Reserveklamotten, Kletterausrüstung (allein 60 Meter Seil wiegen stolze 3 kg!), und für die Seilbahnstation musste natürlich die große Nikon mit ins Gepäck. Als alter Skandinavien-Trekker hatte ich da gewichtsmäßig keine Bedenken, als Quasi-Alpen-Newbie war nur fraglich, wie sich das in dünner Luft so trägt. Von einer Anden-Radtour war nur soviel klar: Man gewöhnt sich einigermaßen schnell auch an 4.000-5.000 Meter Höhe. Voller Optimismus und Vorfreude ging es endlich auf die Reise.

Cervinia, Talstationen

Cervinia, Talstationen

Blick von Cervinia zur alten Station

Blick von Cervinia zur alten Station

Der Aufstieg. Cervinia empfing uns erstmal mit einem etwas skurrilen Anblick: Auf der einen Seite, stolz und gewaltig, das Matterhorn, auf der anderen Seite, neben einem riesigen Parkplatz mitten im Ort, ein Sammelsurium diverser Seilbahnstationen aller Hässlichkeitsgrade, die größte davon ausgebrannt und ohne Dach, wie ein hohler Zahn, seit Jahrzehnten auf die Gnade der Abrissbirne wartend. Willkommen in Italien!
Von unserem Nachtlager im Auto hatten wir einen Blick direkt auf die Kabinenseilbahn, die die Sommerschi-Freunde via Plan Maison hinauf Richtung Plateau Rosa bringt. Da wir gerne mit der Bahn nach Plan Maison fahren wollten, an der Talstation aber keine Betriebszeiten zu finden waren, war es sehr vorteilhaft, direkt aus dem Schlafsack einen prüfenden Blick werfen zu können. Am nächsten Morgen glitten dann nach dem Aufwachen die Gondeln bereits flott auf und ab, und so befanden wir uns nach einem kurzen Frühstück schon bald 500 Meter höher auf dem Plan Maison. Von da ging es erstmal einigermaßen gemütlich auf ausgeschildertem Weg Richtung Rif. Duca degli Abruzzi (einen genauen Wegverlauf gibts später im zweiten Teil des Beitrages). Sobald man die letzten Lifte und Pisten passiert, kommt man an die zunächst nur als eine Art Weg sichtbaren Überreste der alten Furggen-Piste, der man nun in nordöstlichem Bogen weiter nach oben folgt.

Verschnaufpause

Verschnaufpause

Das Wetter zeigte sich mittlerweile von seiner besten Seite, einzig der Gipfel des Matterhorns war den ganzen Tag über wie ein riesiges Stück Zuckerwatte von einer Wolke umhüllt. Es war höchste Zeit, ordentlich Sonnencreme aufzutragen.
Nun taucht schon ab und an die alte Station, fast zum Greifen nahe, vor einem auf. Sehr eindrucksvoll, und doch sollte es noch Stunden dauern, bis wir endlich da waren.

Nachdem wir endlich die magische 3 auf dem Höhenmesser ganz vorne hatten, war erstmal eine längere Verschnaufpause angesagt. Der Ruhepuls war spürbar gestiegen, die Luft hätte gern noch etwas dicker sein dürfen. Das wird noch richtig anstrengend, und flacher wird der Anstieg auch nicht mehr. Nun ging es mehr oder weniger steil über Geröllfelder, teils flankiert von den herumliegenden Begrenzungsresten der alten Piste – Stahlpfosten und -seile, Fangnetze, Pfeile, Schilder und selbst Steinmauern sollten den Skifahrer hier davon abhalten, in das südlich fast senkrecht abfallende Gelände zu geraten. Links von uns hätte laut Karte bereits eine große Gletscherzunge auftauchen sollen, aber außer ein paar trinkwasserspendenden Schneeresten war hier weit und breit alles Steinwüste. Über eine Leiter in feinstem Lost-Place-Stil (aber tragfähig) ging es auf die letzten Meter über Fels. Nun hieß es: Steigeisen anlegen.
Zunächst wurde von hier noch eine ausgiebige Fotosession durchgeführt, hatte man doch endlich die Station und den legendären Skitunnel direkt über sich. Hier wurde dann auch sehr eindrücklich deutlich, was Gletscherschwund bedeutet: geschätzte 20 Meter ging es vom Tunnelausgang senkrecht nach unten auf das noch vorhandene Schneefeld, wo man bis 1993 noch direkt vom Ausgang auf den Gletscher fahren konnte!

Gletscher, Skitunnel und Bergstation Furgggrat

Gletscher, Skitunnel und Bergstation Furgggrat

Funivia del Furggen

Funivia del Furggen

Nun ging es aufwärts über die Reste dieses Gletschers, die sich nun, am späten Nachmittag, als butterweiches Schneefeld präsentierten. Bis auf Höhe des Tunnelausgangs war die Steigung noch recht gut zu bewältigen, oberhalb des querliegenden Felsabsatzes wurde es dann richtig fies. Diagonal arbeitete ich mich immer näher an die obere Kante heran, die dort fast 90° steil war. Als ich gerade dabei war, über die Kante zu kraxeln, einen Augenblick konnte ich, glaube ich, schon mal hinunter nach Zermatt blicken, macht plötzlich mein Tritt schlapp, und ab ging die wilde Fahrt, den Eispickel krampfhaft in den Schnee gepresst, wieder hinunter Richtung Cervinia! Auf dem horizontalen Felsabsatz auf Höhe des Tunnelausgangs kam ich dann zum Glück zum halten. Schockschwerenot! Gerade nochmal gut gegangen, außer einem abgebrochenen Fingernagel nichts passiert. Den Gedanken, die Bergrettung deswegen zu rufen, verwarf ich schnell wieder, schließlich befand sich ja eine Nagelschere im Gepäck.
Ich kletterte dann auf dem Felsriegel nach oben und schaffte es mit letzter Kraft über die Kante, wo Jürgen schon gelangweilt vor sich hin fotografierte. Nun nur noch ein paar hundert Meter auf dem Grat entlang, dann war das Ziel erreicht. Die letzten 50 Meter zur Plattform vor der Station hatten es allerdings nochmal in sich, vor allem, wenn man wie ich, gerade erst einen Abgang gemacht hatte. Wir mussten über ein Stück schlammige Schotter-Gerümpel-Mischung, die schon eine bedrohliche Schräglage Richtung Schweizer Abgrund hatte, und bei jedem Tritt darauf fing der Boden an, Rutschbewegungen zu eben jenem Abgrund hin zu unternehmen. Da hieß es dann, sehr schnell den nächsten Schritt zu überlegen und darauf zu vertrauen, dass ein rettender Seilfetzen am Plattformgeländer wohl schon halten würde. Uff – geschafft! Geschahaft!!!
Völlig unbemerkt hatte sich mittlerweile hinter uns auch noch das Matterhorn frei gemacht, und ich genoss erstmal die herrliche Rundumsicht. Das hatte sich doch schon mal gelohnt!

Geschafft!

Geschafft!

Matterhorn am Abend

Matterhorn am Abend

Wie es weiterging, zusammen mit einem Haufen Bilder, einem Video und weiteren Infos hier in Teil 2.

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11 Antworten auf Die verlassene Seilbahnstation – Teil 1

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  6. Dr. Venkman sagt:

    Kaum fängt Ralf an zu bloggen und dann gleich so ein Hammerbericht. Oder war die Reihenfolge eher umgekehrt? ;-) Bin jedenfalls sehr auf die Videos gespannt und, wie alle anderen hier, natürlich schwerst beeindruckt von dieser eisigen Aktion.

    Gruss,
    Uwe

  7. Klasse! – wir sind schon eifrig am kalendern. ;-)

  8. Supersabs sagt:

    Wie schon geschrieben, das war eine tolle Aktion und ganz Italien (naja, zumindest wir ;-) ) danken für die tolle Dose da oben…
    Nun muß ich nur noch hoch…und eventuell bis zum nächsten Jahr noch ein bisschon Kondition tanken.
    Sabs vom Kingfisherteam

  9. BlueGerbil sagt:

    Auch an dieser Stelle: Respekt!!! Sehr coole Aktion!

  10. Also, hier jetzt auch nochmal in aller Deutlichkeit: Respekt! Geile Aktion! Kein Cache für mich (natürlich nur, weil wir die Hunde nicht mitnehmen können), aber trotzdem… Sehr schön!

    Ist denn die Talstation in Cervinia auch teilweise verlassen? Die hinteren Gebäude sehen so aus?

    • Ralf sagt:

      Jetzt mit dem Wissen im Nachhinein und ohne den geplanten Matterhorntrip hätte ich seinerzeit meinen Hund wohl mitgenommen, denn den konnte man auch mal 5 Meter am Geschirr nach oben ziehen. Den Rest hätte er selbst laufen können.
      Bei euren Hunden ist das vermutlich bissle anders… ;-)

      Ja, die Talstation im Hintergrund ist ausgebrannt, es fehlt das Dach und somit ist sie teilweise verlassen. Von vorne sieht man das allerdings kaum. Rein kommt man aber nicht so ohne weiteres.

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